Coronatagebuch

So hat es ein Steirer in China erlebt

Tagebuch EINES Steirers aus Shenzhen (China)

Pierre Sauer stammt aus Graz und betreibt an der chinesischen Südostküste eine Agentur für digitale Kommunikation. Anfang des Jahres hat er seinen Urlaub in Österreich verbracht. Danach ist es - wie für uns alle nach dem Urlaub - aber wieder zurück in den Arbeitsalltag gegangen. Für Pierre aber mit unvorhersehbaren Hürden. Denn er reist zu einer Zeit in der sich das Coronavirus gerade zu einer Pandemie entwickelt. Seinen Reisebericht hat er uns zugeschickt. Aber lest und hört selbst...

„Der Rückflug vom Kurzaufenthalt in Österreich nach dem chinesischen Neujahrsfest war für Anfang
Februar geplant, zu diesem Zeitpunkt waren noch relativ wenig Informationen über das Virus und vor
allem dessen Ausbreitung bekannt. Offiziell war Covid-19 noch nicht als Pandemie eingestuft, das
heißt Versicherungs- und Fluggesellschaften boten auch keine Möglichkeiten zur Umbuchung, lediglich die vollständige Stornierung.

Beim geplanten Rückflug nach Shenzhen via Hongkong machten wir uns jedoch den Zwischenstopp in Bangkok zu nutze. Anstatt den weiteren Flug anzutreten, beschlossen wir uns vorerst für ein paar Tage von Thailand aus einen besseren Überblick über die Situation am Festland von China zu verschaffen und um in der gleichen Zeitzone mit unseren Kunden zu sein.


Zu diesem Zeitpunkt war die Informationslage noch vollkommen unübersichtlich. Westliche Medien berichteten teilweise von Fakten die von unseren Freunden und Kollegen in den betroffenen Regionen wiederum anders wahrgenommen wurden. Für unser gesamtes Team war die Situation von da an natürlich äußerst schwierig, da zum Einen unser gesamtes Team in den jeweiligen Ländern festhing sowie Flüge gestrichen wurden und zum Anderen dann rasch erste Kundenanfragen erfolgten um laufende Projekte umgehend zu pausieren und bereits Geplantes  zu stornieren oder nach hinten zu verschieben. Das wäre hinsichtlich laufenden Cash-flows unserer Agentur und in weiterer Folge Bezahlung der Gehälter, Versicherungen usw. natürlich ein worst-case Szenario gewesen.


Nach den ersten Tagen in Bangkok wurde dann schnell klar, dass die sogenannten Isolationszonen von Wuhan, Kerngebiet des Virusausbruchs in der Provinz Hubei, auch auf andere Provinzen und Städte ausgeweitet werden. In China sollte zu dem Zeitpunkt bereits schon lange wieder Normalbetrieb nach dem Neujahrsfest herrschen. Nach der bereits offiziell zusätzlich verhängten Urlaubswoche seitens des Government wurde jedoch bekannt, dass nur noch Unternehmen, die für die Grundversorgung der Bevölkerung zuständig sind (Wasser, Elektrizität, etc.) operieren dürfen. Der Rest sollte geschlossen bleiben oder alternativ auf Home-Office umgestellt werden und dem Rest wurde der Ausgang untersagt.

Spätestens hier wurde klar mit welchen schwerwiegenden Maßnahmen versucht wird einer weiteren Ausbreitung entgegenzutreten, was vor allem aber auch schwerwiegende wirtschaftliche Einschnitte bedeuten würde. Die darauffolgenden zwei Wochen waren von neuen Meldungen hinsichtlich Infektionen, Ausbreitung aber vor allem auch den Isolations- und Gegenmaßnahmen geprägt.

Nach Bekanntwerden kontinuierlich abnehmender Neuinfektionen ging es relativ rasch darum Schritte zu definieren, die es Unternehmen erlauben den Betrieb wieder aufzunehmen. Produktionsbetriebe wurden aufgefordert Präventionsmaßnahmen im Unternehmen einzurichten, welche durch Inspektionen des lokalen Governments überprüft wurden und im positiven Falle eine Genehmigung zur vorerst eingeschränkten Wiederaufnahme des Betriebs bedeuteten. Restaurants wurde es gestattet ab sofort wieder zu öffnen, jedoch nur via Hauszustellung oder Take-away.

Für uns ging es in dieser Zeit vorrangig darum weitestgehend laufende Projekte trotz physischer Distanz zu erfüllen. Zeitgleich konnten wir jedoch auch Partner & Kunden in Singapur sowie Indonesien besuchen. In diesen Ländern waren zu diesem Zeitpunkt zwar schon einige Infektionsfälle bekannt, jedoch in relativ geringem Umfang, trotzdem versuchten wir bei den Flügen bzw. gerade in den hochfrequentierten Flughäfen mit Masken und Desinfektionsmittel unser persönliches Ansteckungsrisiko zu minimieren.


Mit der ersten Märzwoche gab es im südostchinesischen Perl-Delta in dessen Gebiet Shenzhen sich befindet keine weiteren Neuinfektionen mehr. Die Regulierungen wurden kontinuierlich weniger. Dennoch war zu diesem Zeitpunkt die Unsicherheit in den Städten sowie bei unseren Freunden und Bekannten noch zu hoch. Der Flugbetrieb wurde langsam wieder erhöht, trotzdem nahmen Infektionen in ganz Südostasien, also außerhalb von China, rapide zu. Aus diesem Grund haben wir beschlossen umgehend Flüge nach China zu buchen. Die besondere Schwierigkeit war, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits Listen mit Schlüsselländern gab, bei dessen Aufenthalt in den vergangenen 14 Tagen den Reisenden der Eintritt verwehrt wird, und mit jedem weiteren Tag wurde diese Liste umfangreicher.

Glücklicherweise war Indonesien zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelistet, weshalb wir den Rückflug von Indonesien nach Hongkong am 16. März antreten konnten. Vordergründig in dieser Entscheidung stand vor allem die Tatsache, dass China in den letzten Wochen die Situation umfassend unter Kontrolle gebracht hatte, wobei im Gegenzug die Ausbreitung in anderen Ländern weltweit erst begann. Wer die medizinischen Versorgungskapazitäten in Südostasien kennt, kann diese Entscheidung wahrscheinlich sehr gut nachvollziehen. Wobei weder in Thailand, Singapur oder Indonesien auch nur annähernd eine Panik wie in Österreich bestand, wie wir es teilweise durch Medien und Familien mitbekommen haben.




Nach 5 Wochen nur mit dem notwendigsten Utensilien und dem Computer ausgestattet, ging es nun also endlich zurück. Mit Vorfreude und vollkommener Ungewissheit was nach Ankunft am Flughafen passieren würde machten wir uns also auf den Weg und erreichten Hongkong sicher und ohne weitere Komplikationen.

Zu diesem Zeitpunkt war Österreich jedoch schon als Schlüsselland mit hoher Infektionsrate und daher als erhöhtes Risiko geführt - was bei der Einreise und dem darauf folgenden Grenzübertritt nach Shenzhen für hohe Unsicherheit und nervöse Momente sorgte.


Sofort nach Ankunft in China sahen wir erste Menschen mit vollen Schutzanzügen, Helmen, Visieren, Masken etc., was auf den ersten Blick etwas verstörend erscheint. Sofort wurden Temperaturkontrollen durchgeführt, und der Reiseverlauf der vergangen 14 Tage überprüft. Dieser wird mittels Reisepass sowie Daten der Telefonprovider systematisch ausgelesen und nachvollzogen. Bei Verdacht einer Infektion oder eines unvollständigen Reiseverlaufs werden umgehend weitere Einzelgespräche  oder medizinische Tests durchgeführt. Erst nach vollständiger Abklärung und positiven Bescheiden ist eine Einreise aufs Festland Chinas möglich.

Freunde berichteten bereits von ihrer Einreise in den vergangen Tagen, die teilweise mit einem 14 tägigen Isolationsaufenthalt im öffentlichen Krankenhaus oder Quarantäne in Hotels endete. Aufgrund der vielfach wahrnehmbaren Falschinformationen die durch Internet und Messenger verbreitet wurden war es gerade in dieser wichtigen Phase jedoch essentiell sich auf relevante und vertrauenswürdige Neuigkeiten verlassen zu können. Behördliche Informationen aus China wurden stündlich aktualisiert, mit neuen Beschränkungen für Einreisende und vielfach nur erschwert auffindbar. Österreichische Behörden und Ansprechpartner schienen zu diesem Zeitpunkt mit Informationslücken geplagt gewesen zu sein. Nichts desto trotz versuchten wir unser Glück bei der Einreise und … es klappte!

Nach insgesamt 2 1/2 Stunden Überprüfungen und Tests konnten wir die Passkontrolle verlassen und ohne weitere Quarantäne weiterreisen. Vor allem war ich äußerst positiv davon überrascht, dass diese vollkommen strukturiert, rasch und vor allem von hilfsbereitem Personal vollzogen wurde.

Wie sieht es aktuell (Stand: 24. März) aus?

Der Verkehr wird wieder zunehmend mehr, Unternehmen sind bis auf die fehlenden Mitarbeiter der schwer betroffenen Regionen Chinas wieder vollständig, operieren wenn möglich jedoch zumeist noch via Home-Office. Restaurants, Bars und Cafes haben wieder normal geöffnet, jedoch ist der Zutritt nur nach Temperaturkontrolle und Desinfektion erlaubt. Öffentliche Verkehrsmittel sind wieder regulär auf den Straßen unterwegs, auch die U-Bahn fährt wieder.

Zu beachten sind nach wie vor die hohen Schutzmaßnahmen. Menschen sind verpflichtet dazu Schutzmasken zu verwenden. Jedes einzelne Gebäude, Restaurant, Unternehmen, etc., wird von Mitarbeitern oder Freiwilligen am Eingang besetzt um diese Kontrollen durchzuführen. In Aufzügen und an Bankomaten werden Schutzfolien angebracht die stündlich getauscht werden um Infektionen vorzubeugen. Taxis fahren auch nur mit vollständig geöffneten Fenstern.



Die Selbstquarantäne die Unternehmen ihren Mitarbeitern auferlegt haben enden größtenteils mit Ende dieser Woche, womit der Alltag schlussendlich bald wieder vollständig hergestellt sein wird. Aktuell ist lediglich die Rückreise von Auslands-Chinesen und Einreise anderer Ausländer ein Thema auf das großes Augenmerk gelegt wird. Alles in allem fühlen wir uns hier nun wieder vollkommen sicher und gut aufgehoben.

Für mich in diesem Zusammenhang besonders hervorzuheben ist die Leistungsfähigkeit des Landes. Trotz der enormen Einschränkungen sind aus den Bedürfnissen innovative Lösungen gefunden worden. Aber auch die Umsetzungskraft und Disziplin des Kollektivs zur Bewältigung dieser Krise haben mich beeindruckt. Chapeau für diese Leistung.

In diesem Sinne wünsche ich auch volle Kraft und Geschlossenheit nach Österreich!

Liebe Grüße aus Shenzhen, Pierre“

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