35 Jahre nach Tschernobyl

Wie verstrahlt ist die Steiermark noch?

Reaktor 4 – Eine Explosion mit katastrophalem Ausmaß


Vor 35 Jahren, am 26. April 1986 um 1:23 Uhr, ist der Reaktor 4 des Atomkraftwerks in der Ukraine explodiert. Unzählige Menschen sind gestorben oder schwer erkrankt. Tausende Menschen haben ihr Zuhause verloren und die Spätfolgen sind für Millionen von Menschen weltweit spürbar.

Radioaktive Wolke

Zum Zeitpunkt der Katastrophe zählte Österreich zu einem der am stärksten betroffenen Ländern. Zwei Prozent der Radioaktivität landete bei uns. Der Grund dafür war das ungünstige Wetter damals. Eine Nordströmung schickte die radioaktive Wolke zu uns. Es war warm, aber die Luft war kalt und das sorgte für starken Regen. Im Koralmgebiet gab es am meisten Niederschlag, deshalb konnte hier auch noch lange Radioaktivität gemessen werden.

CHRONOLOGIE

Nach einem simulierten Stromausfall schlug die Notabschaltung des Reaktorblocks 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl fehl. Um 1:23 Uhr explodierte die Anlage. Radioaktive Partikel stiegen in den Flammen auf und wurden mit dem Wind über ganz Europa verbreitet.

26. April 1986
Im Reaktor 4 des ukrainischen Atomkraftwerkes Tschernobyl kommt es zu einer Explosion und der Reaktorkern schmilzt. Wolken tragen Radioaktivität nach Westeuropa.

27. April 1986
Die 50.000 Einwohner Stadt "Prypjat", die unmittelbar am AKW-Gelände liegt, wird geräumt. Bis heute ist sie eine Geisterstadt.

28. April 1986
Hohe Radioaktivität wird in Skandinavien und Polen gemessen, später auch in Österreich und anderen Ländern Europas. Am Abend gibt die sowjetische Nachrichtenagentur Tass bekannt, dass sich ein Unglück ereignet habe.

4. Mai 1986
Behörden beginnen mit der Räumung aller Orte in einer 30-Kilometer-Zone. Insgesamt 400.000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen.

6. Mai 1986
Das Moskauer Parteiorgan "Prawda" nennt erste Details zum Unglück. In ganz Westeuropa werden mittlerweile Maßnahmen zur Minimierung der Gefahr ergriffen.

14. Mai 1986
Kremlchef Michail Gorbatschow informiert mit einer Fernsehansprache zu Tschernobyl die Öffentlichkeit.

1. Oktober 1986
In Tschernobyl geht Reaktorblock 1 wieder in Betrieb, Block 2 folgt im November, Block 3 im Dezember 1987.

15. November 1986
Der Betonsarkophag als Schutzmantel um den Unglücksreaktor ist fertig. Regen, Frost und Sturm setzen dem 65 Meter hohen Provisorium zu. Später bilden sich mehr als 100 Risse, tragende Wände drohen einzustürzen.

15. Dezember 2000
Als letzter Reaktorblock geht Nummer 3 vom Netz. Für die Stilllegung von Tschernobyl bekommt die ukrainische Regierung knapp 1,6 Milliarden Euro von der EU.

15. November 2016
An der Ruine beginnen Arbeiter mit dem Transport des neuen Schutzmantels. Auf Spezialschienen wird die mehr als 36.000 Tonnen schwere Konstruktion langsam zu dem etwa 330 Meter entfernten Reaktor geschoben.

29. November 2016
Die Hülle wird in Anwesenheit des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko übergeben. Nun soll die Sanierung des explodierten Reaktors erfolgen.

WIE BELASTET IST DER STEIRISCHE BODEN NOCH?

Im Jahr 2016 wurde eine Strahlenmessung vom Land Steiermark durchgeführt. Das Ergebnis: In den alpinen Lagen konnte vereinzelt erhöhte Bodenbelastung nachgewiesen werden. Damals lagen die Spitzenwerte der Bodenbelastung mit Cäsium-137 bei 150 kBq/m2 (Becquerel pro Quadratmeter). Höhere Belastungen mit über 200 kBq/m2 wurden sonst nur in der Ukraine, Weißrussland, Russland und in Teilen Skandinaviens gefunden.

Die niedrigste Bodenbelastung gab es 2016 in Schöderberg im Bezirk Murau. Dort waren es 0,45 kBq/,2. Am höchsten ist die Cäsium-137 Belastung mit 41,7 kBq/m2 in Rohrmoos-Untertal im Bezirk Liezen.



Sind Lebensmittel noch belastet?

Ja. Bestimmte Lebensmittel weisen noch immer einen geringfügigen Gehalt an Radioaktivität auf. Insbesondere betrifft das in Österreich das Wildfleisch und die Wildpilze. In bestimmten Ökosystemen, wie Wäldern, kann Cäsium nicht so gut im Boden gebunden werden, wie auf einem intensiv genutzten Agrarboden. Die verstrahlten Pflanzen, Pilze und Bodenorganismen werden in weiterer Folge von Wildtieren, besonders von Wildschweinen, über die Nahrung aufgenommen. Aus diesem Grund untersucht die AGES diese Lebensmittel routinemäßig auf Radioaktivität. Bei Wildfleisch aus höher kontaminierten Waldregionen kann immer noch ein Cäsium-Gehalt über dem Grenzwert nachgewiesen werden. Auch hier liegen die meisten Ergebnisse deutlich unter dem Grenzwert, allerdings gibt es ebenso einige Fälle bei untersuchten Eierschwammerl, die den Grenzwert überschreiten.

Der gelegentliche Konsum von Wildpilzen oder Wildfleisch, deren Radioaktivität über dem Grenzwert liegt, stellt aber laut Gesundheitsexperten kein Problem dar.

Krško - Slowenien

Auch das schon in die Jahre gekommene aktive Kernkraftwerk Krško in Slowenien bereitet immer wieder Sorgen. Es steht auf einer Erdbebenlinie. Die steirischen Grünen sind der Meinung, dass eine Verlängerung der Laufzeit nicht akzeptabel ist. Sandra Krautwaschl fordert mehr Druck der steirischen Landesregierung auf die slowenischen Betreiber des AKW Krško. Auch die Umweltschutzorganisation Global 2000 fordert den Reaktor abzuschalten.

Das Kraftwerk ist gerade einmal 80 Kilometer Luftlinie von der Steiermark entfernt. Im schlimmsten Fall könnte die radioaktive Wolke bei starkem Wind in etwa vier Stunden die österreichischen Grenzen erreicht haben. Das wäre aber wirklich nur der schlimmste Fall. Es gibt nämlich mehrere hundert Strahlenfrühwarnsysteme, die sofort Alarm schlagen. Wie schwer bestimmte steirische Regionen betroffen wären, hängt von der Lage ab und wie sich die Luftmassen bewegen.

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