Kapelle der vergessenen Seelen

LOST PLACES

Außergewöhnliche Ausflugstipps und Entdeckungsreisen mit den Buchautoren Georg Lux und Helmuth Weichselbraun. Diesmal geht’s zur Kapelle der vergessenen Seelen im Kärntner Rosental. 

Von der zerschossenen Kapelle mit den überwucherten Gräbern sind es nicht einmal 1000 Meter Luftlinie bis zum schwarzen Loch im Berg und den Schienen, die hineinführen: Mitteleuropa im Kleinformat, wenn man um die Ereignisse weiß, die hier Spuren hinterlassen haben. Die Gegend um das Portal auf der Kärntner Seite des Karawankenbahntunnels zwischen Rosenbach und Jesenice ist ein 360-Grad-Handspiegel der Geschichte – mit allen verbindenden und trennenden Blickwinkeln.

Der Bau des fast acht Kilometer langen Tunnels begann 1901, als er noch keine Grenze unterschritt. Er war ein Großprojekt der Donaumonarchie: Allein auf der Kärntner Seite arbeiteten zeitweise mehr als 2000 Menschen. Sie kamen aus ganz Europa und hatten einen gefährlichen Job. Immer wieder kam es im Berginneren zu Steinschlägen und Wassereinbrüchen, oft mit tödlichen Folgen. Verunglückte, die nicht in ihre Heimatorte überstellt werden konnten, wurden ab 1903 in einer eigens dafür errichteten Kapelle aufgebahrt und anschließend daneben beerdigt. Katholiken auf der einen, Tote anderer Konfessionen auf der gegenüberliegenden Seite. 22 Verstorbene fanden bis zur Eröffnung des Tunnels 1906 dort ihre letzte Ruhe, unter ihnen auch Opfer von Gewalttaten auf der Baustelle, drei tot geborene Babys und ein unbekannter Mann.

Danach geriet die Kapelle zum ersten Mal in Vergessenheit, bevor sie im Abwehrkampf 1919 zweckentfremdet wieder in den Fokus beziehungsweise Schussfeld rückte. Bei den Gefechten um den zunächst von Truppen des SHS-Staates besetzten Bahntunnel wurde das Gotteshaus innen und außen schwer beschädigt. Zurück blieb ein dachloses Skelett und die Geschichte wiederholte sich. Die Kapelle, nun eher eine Ruine, geriet erneut in Vergessenheit. Wenigstens blieb sie stehen, während der Friedhof unter dem Wald verschwand, der auf den Gräbern wuchs. Ein echter Lost Place, wie man solche Orte mittlerweile nennt.



Mittlerweile ist er das nicht mehr. Die Initiative dazu ging von Grundbesitzer Peter Janežič und seinem Vater Franc aus, der 2014 in unmittelbarer Nähe der Ruine bei Forstarbeiten tödlich verunglückte. In Kooperation mit dem Bundesdenkmalamt stoppte die Familie den weitere Verfall der Ruine, man drückte quasi die Pausetaste. Seit dem „Tag des Denkmals“ 2016 erinnern Gedenktafeln im Inneren der Kapelle an deren Entstehung, an die Zerstörung und an die daneben beerdigten Menschen. Wo die Gräber noch sichtbar waren, hat Peter Janežič zusätzlich Holzkreuze aufgestellt. Für ihn reicht die Bedeutung der Ruine durch ihre europäische Geschichte weit über die Ereignisse von 1919 und 1920 hinaus. „Sie ist ein Mahnmal für den Frieden.“

Die Kapellenruine ist frei zugänglich. Man erreicht sie, wenn man von der Rosenbacher Straße (L56) beim Schloss unterhalb des Bahnhofs Richtung Bahntunnel abbiegt. Nach etwas mehr als einem Kilometer zweigt auf Höhe des Hauses Rosenbach 73 ein Forstweg links von der Straße ab. Wenn man ihm zu Fuß folgt (Fahrverbot) und sich bei der Weggabelung rechts hält, ist man in zirka 15 Minuten bei der Kapelle. 

Mehr Lost Places findet ihr auf der Facebookseite der Autoren <https://www.facebook.com/geheimnisvolle.unterwelt> und in den Büchern der beiden:

Lost Places in der Steiermark <https://www.styriabooks.at/lost-places-in-der-steiermark>

Vergessen & verdrängt – Dark Places im Alpen-Adria-Raum 

<https://www.styriabooks.at/vergessen-verdraengt>

Vergessene Paradiese – Entdeckungen, Ausflüge, Abenteuer im Alpen-Adria-Raum <https://www.styriabooks.at/vergessene-paradiese>

Verfallen & vergessen – Lost Places in der Alpen-Adria-Region <https://www.styriabooks.at/verfallen-vergessen>

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