Die Slizza-Schlucht

LOST PLACES IN KÄRNTEN

LOST PLACES IN KÄRNTEN


Außergewöhnliche Ausflugstipps und Entdeckungsreisen mit den Buchautoren Georg Lux und Helmuth Weichselbraun. Diesmal geht’s ein paar Meter über die Grenze nach Italien, in die Slizza-Schlucht im Kanaltal. 

Viele Kärntner, deren Eltern früher oft nach Tarvis gefahren sind, kennen das. Beim gelangweilten Blick aus dem Autofenster taucht zwischen dem Tunnel auf der Bundesstraße bei Coccau und Tarvis links plötzlich dieser riesige grüne Soldat auf. Wir haben uns dann immer gefragt: Was ist das? Als Erwachsene dürfen wir nun aufklären. Das Denkmal erfüllt eigentlich zwei Funktionen. Zum einen erinnert der Soldat an die Napoleonischen Kriege, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch zu Kämpfen im Kanaltal geführt haben. Zum anderen ist er der beste, weil größte Wegweiser zur Orrido della Slizza, der Slizza-Schlucht.



Bei der Slizza handelt es sich um einen knapp 30 Kilometer langen Fluss, der im italienischen Val del Rio del Lage (Seebachtal) unterhalb des Nevea-Sattels entspringt und bei Arnoldstein in Österreich in die Gail mündet. Mit seinen vielen Namen spiegelt er die sprachliche Vielfalt wider, die im österreichischen Kanaltal bis zur Abtretung an Italien 1919 geherrscht hat. Slizza ist die aktuelle italienische Version. Auf der Kärntner Seite der Grenze steht der Fluss als Gailitz in den Landkarten, wird aber – wie von älteren Kanaltalern – schlicht Schlitza genannt und auch genauso ausgesprochen. So nennt man die Slizza im Kanaltaler Dialekt des Slowenischen (korrekt verschriftlicht: Žljíca), der zwischen Tarvis und Pontafel bis 1919 neben Deutsch hauptsächlich gesprochen wurden. In allen Sprachen – im Kärntner Volksmund kommt noch die selten verwendete Bezeichnung Gailica dazu – ist die Bedeutung dieselbe: kleine.



Darüber kann man ausführlich nachdenken, während man vom Soldaten-Denkmal in die Schlucht absteigt. Zur Slizza, die sich im Lauf der Jahrtausende bis zu 150 Meter tief in das Kalkgestein eingegraben hat, führen Hunderte Stufen. Belohnt wird man mit einem Rastplatz, von dem Urlauber, die oben auf der Autobahn in den Süden eilen, auf ihrer Reise nur träumen können. Weiße Kieselsteine, dahinter das – je nach Sonneneinstrahlung – eher türkise oder blaue Wasser der Slizza und rundherum viel Grün: Farben wie in der Karibik im alpinen Kanaltal. An heißen Tagen ziehen hier nicht nur Kinder gern die Wanderschuhe aus und waten durchs kühle Nass. Flussaufwärts führt der Weg dann einen knappen Kilometer weiter durch die Schlucht. Man wandelt dabei zum Teil auf Holzstegen, die an Felswänden über dem Wasser hängen.



Die alte Eisenbahnbrücke, die in 63 Meter Höhe und in exakt derselben Länge über die Schlucht führt, markiert das Ende des Steges entlang der Slizza. Über Stufen steigt man nun wieder auf – nicht ganz 150 Meter, sondern etwas weniger, weil es dazwischen flussaufwärts gegangen ist. Oben wartet ein Kuriosum: eine 2012 angebrachte falsche Infotafel. Neben einem Grenzstein mit der Aufschrift KRB übersetzt sie diese mit „Kaiser Reich Bahn“, was Eisenbahnhistorikern zusammenzucken lässt. KRB steht nämlich für die im 19. Jahrhundert in Betrieb gegangene Kronprinz-Rudolf-Bahn, die hier vorbeigeführt hat.




Mehr Lost Places findet ihr auf der Facebookseite der Autoren  und in den Büchern der beiden:

Vergessen & verdrängt – Dark Places im Alpen-Adria-Raum 

Vergessene Paradiese – Entdeckungen, Ausflüge, Abenteuer im Alpen-Adria-Raum 

Verfallen & vergessen – Lost Places in der Alpen-Adria-Region

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