Die rätselhafte Gepfählte

LOST PLACES IN KÄRNTEN

LOST PLACES IN KÄRNTEN


Außergewöhnliche Ausflugstipps und Entdeckungsreisen mit den Buchautoren Georg Lux und Helmuth Weichselbraun. Diesmal geht’s zum Grab der Gepfählten in Molzbichl. 

Der Künstler hat die Szene an einem Regentag angesetzt. Über der Toten im Grab geht ein bärtiger Mann in die Knie, der gerade zum ersten Schlag ansetzt. In der linken Hand hält er einen spitzen Holzpflock, den er der Leiche mit dem Hammer in seiner Rechten gleich in die Herzgegend rammen wird. Dahinter stehen Dorfbewohner, manche schauen grimmig, manche entsetzt, manche recht zufrieden drein. Eine Mutter hält ihrem Kind die Augen zu.

„Die Details sind künstlerische Freiheit, aber im Groben dürfte es sich so abgespielt haben“, sagt Kurt Karpf. Er ist Obmann des Vereins „Historisches Molzbichl“ und hat mit seinen Kollegen 2013 eine in Mitteleuropa einzigartige Entdeckung gemacht: Bei der Ausgrabung eines Friedhofes aus dem 10. Jahrhundert südlich der Pfarrkirche Molzbichl förderte man das Skelett einer Frau zutage, die nach ihrem Tod gepfählt worden war. Nach mehrjährigen Untersuchungen ist der Sensationsfund jetzt im örtlichen Frühmittelaltermuseum Carantana zu sehen. In einer neuartigen Präsentationstechnik „steht“ das Skelett dort in vertikaler Position an der Wand, Besucher blicken aus der Vogelperspektive in das mysteriöse Grab.

Die Frau wurde gepfählt, weil man in ihr eine Wiedergängerin sah. „Offenbar hatten die Menschen Angst, dass sie zu den Lebenden zurückkehren und ihnen Schaden zufügen könnte“, erklärt Karpf. „200 Jahre nach der Christianisierung pflegte man noch abergläubische Rituale. Diese müssen akzeptiert gewesen sein. Sie fanden in Anwesenheit der Dorfbevölkerung und mit Duldung des Pfarrers statt.“ Als Wiedergänger fürchtete man Hexen, Magier und soziale Außenseiter, aber auch Frauen, die bei der Geburt eines Kindes gestorben waren, und Menschen mit geistigen oder körperlichen Anomalien. Was die in Molzbichl Gepfählte verdächtig gemacht hat, bleibt unklar.

Durch eine DNA-Analyse und weitere Untersuchungen wissen die Forscher mittlerweile aber ziemlich viel über die zwischen 939 und 1031 verstorbene Frau: Sie war 46 bis 60 Jahre alt, 1,60 Meter groß, hatte hellbraune Haare und blaue Augen. Hinweise auf körperliche Gebrechen oder eine Schwangerschaft fehlen.

Mit ihrem Schicksal im Tod war die Gepfählte nicht allein: In einem benachbarten Grab lagen zwei Frauen, die ebenfalls fixiert worden waren - allerdings nur mit schweren Steinen. „Bisher kannte man Maßnahmen gegen Wiedergänger zumeist nur aus schriftlichen Quellen. Nun sind sie bei uns erstmals auch archäologisch nachgewiesen“, erklärt Karpf. Die im Museum Carantana dokumentierte Bedeutung von Molzbichl reicht aber weit darüber hinaus: Hier befand sich ab dem 8. Jahrhundert das älteste Kloster auf heutigem Kärntner Boden, in dessen Gotteshaus der heilige Nonnosus ruhte. Der Aberglaube blühte trotzdem.






Mehr Lost Places findet ihr auf der Facebookseite der Autoren  und in den Büchern der beiden:

Vergessen & verdrängt – Dark Places im Alpen-Adria-Raum 

Vergessene Paradiese – Entdeckungen, Ausflüge, Abenteuer im Alpen-Adria-Raum 

Verfallen & vergessen – Lost Places in der Alpen-Adria-Region

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