Der Bahnhof Tarvisio Centrale

LOST PLACES IN KÄRNTEN

LOST PLACES IN KÄRNTEN


Außergewöhnliche Ausflugstipps und Entdeckungsreisen mit den Buchautoren Georg Lux und Helmuth Weichselbraun. Diesmal geht’s nach Tarvis. 

Schienen und Schwellen der alten Strecke sind verschwunden. „Rückgebaut“, wie man es im österreichischen Amtsdeutsch nennen würde. Der Bahnhof ist geblieben. Und mit ihm ein Teil des Inventars. Was in der Bilanz der italienischen Staatsbahn längst abgeschrieben war, ließ man beim Auszug anno 2000 einfach stehen und liegen. 

Eine blöde Idee, wie man zwei Jahrzehnte danach auf den ersten Blick feststellen kann: Unbekannte Besucher haben eine Spur der Verwüstung durch das verlassene Gebäude gezogen. Keine Fensterscheibe, keine Glastür ist mehr heil. Den Boden bedecken Zollpapiere, die aus Aktenordnern und Kanzleikästen gefetzt wurden. Ein Kopierer liegt – ähnlich geplündert wie die Kaffeemaschine – auf dem ehemaligen Bahnsteig 1. Im Polizei-Wachzimmer waren Scherzbolde oder vielleicht sogar ehemalige Einsitzende am Werk. Auf dem Schreibtisch steht nun eine leere Flasche Wein. Ein Doppler – es gab offenbar etwas zum Feiern.

Früher geschah das innerhalb dieser Mauern mit mehr Stil. Dafür bürgte schon der ursprüngliche Name der vorbeiführenden Strecke. Es war die Kronprinz-Rudolf-Bahn, kurz: Rudolfsbahn. Die zunächst privat betriebene und später verstaatlichte Linie wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet. Sie verband die Kaiser-Elisabeth-Bahn (später Westbahn) über Selzthal, St. Veit, Feldkirchen und Villach mit Laibach ebenso wie mit dem damaligen Königreich Italien. Dem zu diesem Zeitpunkt noch österreichischen Tarvis kam als Kreuzung dabei eine Schlüsselrolle zu. Hier ging es entweder links nach Laibach weiter oder geradeaus über die bis heute so genannte Pontebbana nach Udine. Dementsprechend groß war der 1873 eröffnete Bahnhof inklusive Hotel und „Restauration“. 



Nach dem Ersten Weltkrieg zogen die Siegermächte Österreichs Grenzen 1918 neu. Das Kanaltal sprach man Italien zu, aus Tarvis wurde Tarvisio und aus dem Bahnhof Tarvisio Centrale. Bis zur Schließung im Jahr 2000 wickelte man nun hier den Grenzverkehr ab. Einen letzten Modernisierungsschub gab es 1969 mit dem Totalumbau des Bahnhofsgebäudes zu der Form, in der es jetzt verlassen herumsteht.

Warum die Schienen mittlerweile auf der anderen Seite des Tales und dort hauptsächlich in Tunnels verlaufen, hat vor allem geologische Gründe: Auf die alte Pontebbana gingen immer wieder Murenabgänge oder Steinschläge nieder. Völlig „verkehrsfrei“ ist die frühere Bahntrasse aber nicht. Teile wurden zum Ciclovia (Radweg) Alpe Adria ausgebaut, der in Salzburg beginnt und in Grado endet. Die asphaltierte Strecke führt auch am Lost Place Tarvisio Centrale vorbei. 

Der verlassene Bahnhof Tarvisio Centrale liegt zwischen der Staatsgrenze und Tarvis direkt an den Staatsstraße SS13 beziehungsweise, wenn man mit dem Fahrrad kommt, unmittelbar am Ciclovia Alpe Adria. Das Betreten des Gebäudes ist verboten. Einblicke sind aber von den nicht abgesperrten ehemaligen Bahnsteigen möglich, die sich auf der Ostseite des Areals befinden. 



Mehr Lost Places findet ihr auf der Facebookseite der Autoren  und in den Büchern der beiden:

Vergessen & verdrängt – Dark Places im Alpen-Adria-Raum 

Vergessene Paradiese – Entdeckungen, Ausflüge, Abenteuer im Alpen-Adria-Raum 

Verfallen & vergessen – Lost Places in der Alpen-Adria-Region

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